Austauschprogramm & Projektarbeit 2019

Austausch in Madagaskar

Fianarantsoa & Andalamengoke - Begegnungen - Projekte von Lernen-Helfen-Leben e.V.

Madagaskar 2019 Kultur - Bildung - Gemeinschaft

Einleitung

Was heute wie ein großes Auslandsprojekt wirkt, begann eigentlich ganz schlicht als Schulpraktikum in der 12. Klasse. Ursprünglich wollte ich dieses in einem Unternehmen im Ausland absolvieren. Doch nach einer Statikstunde sprach mich mein Maschinenbaulehrer Jörn Lutat an und fragte, ob ich mir stattdessen ein Praktikum in Madagaskar vorstellen könnte. Die Idee ließ mich sofort nicht mehr los. Er brachte mich, und später auch einige Mitschüler, mit dem Verein Lernen-Helfen-Leben in Verbindung. Aus dieser Begegnung entstand schließlich mein Madagaskar-Praktikum.

Anlass Austauschprogramm
Region Fianarantsoa
Schwerpunkte Bildung - Techniktransfer - interkultureller Austausch

Madagaskar

Blog

Düsseldorf - Vorbereitung vor dem Austausch

Die Reise begann nicht erst in Madagaskar, sondern bereits Wochen zuvor in Düsseldorf am Franz-Jürgens-Berufskolleg. Dort nahmen die Vorbereitungen im Umwelttechnikunterricht langsam Gestalt an. In enger Abstimmung mit Lernen-Helfen-Leben, einer NGO mit langjähriger Projekterfahrung in afrikanischen Ländern, wurden Ideen gesammelt, diskutiert und Schritt für Schritt konkretisiert [LHL19]. Aus ersten Überlegungen entstanden schließlich klare Aufgaben, die innerhalb der Gruppe nach Interessen verteilt wurden.

Ein Teil der Gruppe übernahm die Arbeit im Schweißteam. Ziel war es, ein Elektrodenschweißgerät inklusive umfangreichem Werkzeug nach Madagaskar zu bringen und dort gemeinsam mit den Studierenden der Association des Jeunes pour la Promotion de l'Energie Renouvelable (AJPER) in Betrieb zu nehmen. Um nicht völlig unvorbereitet vor Ort zu stehen, fand im Vorfeld ein zweiwöchiger Crashkurs im Elektrodenschweißen statt. Geübt wurde an einfachen Kochtöpfen, an Nähten, die auf den ersten Blick simpel wirkten, sich in der Praxis jedoch als anspruchsvoll erwiesen. Schnell zeigte sich, dass dichte und saubere Schweißverbindungen weit mehr Erfahrung erfordern, als sich in kurzer Zeit aneignen lässt. Genau darum ging es aber auch nicht. Der Fokus lag auf einem grundlegenden Verständnis der Technik und darauf, die spätere Übergabe des Equipments so vorzubereiten, dass vor Ort eigenständig weitergearbeitet werden kann.

Parallel dazu beschäftigte sich ein weiteres Team mit Holzkohlekochern. Diese wurden in Deutschland getestet, angepasst und schließlich mit nach Madagaskar genommen. Vor Ort sollten sie mit lokalen Materialien wie Gräsern und Palettenholz erprobt werden. Mehrere Prototypen blieben dauerhaft dort, um weiter genutzt und weiterentwickelt zu werden. Das Projekt war Teil des LHL-Programms Holzkohlekocher, das auf ressourcenschonende und lokal anpassbare Lösungen setzt [LHL19a].

Zur Vorbereitung gehörte jedoch mehr als technische Planung. In mehreren Seminaren zum kulturellen Verständnis und interkulturellen Austausch, organisiert von Engagement Global, wurde Raum geschaffen, um Erwartungen zu reflektieren und sich bewusst mit unterschiedlichen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen [Eng19]. Es ging weniger um Regeln oder Verhaltenskataloge, sondern darum, offen zu bleiben, zuzuhören und eigene Maßstäbe nicht als selbstverständlich anzusehen.

Nachdem alle organisatorischen Schritte abgeschlossen waren, Impfungen durchgeführt und die Malariaprophylaxe organisiert war, begann die eigentliche Reise am Düsseldorfer Flughafen. Rund 16 Stunden Anreise lagen vor der Gruppe. Da ein Großteil der Teilnehmenden noch eine Abiturklasse besuchte, wurde vieles organisatorisch von der Betreuerin Lina getragen. Wiebke, eine Studentin der HHU, war ebenfalls mit dabei. Lina war bereits zuvor in Madagaskar gewesen und sprach Madagassisch. Diese Erfahrung sollte sich schon in den ersten Tagen als entscheidend erweisen.

Gruppenfoto der Teilnehmenden vor der Abreise

Antananarivo - Ankunft und erste Eindrücke

Bereits beim Anflug auf Antananarivo hinterließ das Land einen starken Eindruck. Kilometerweit zogen sich Brand- und Abholzungsflächen durch die Landschaft, bevor plötzlich die dichte Bebauung der Hauptstadt begann. Der Übergang wirkte abrupt. Am Flughafen wurde die Gruppe von Guy und Safidy empfangen, zwei Studierenden von AJPER aus Fianarantsoa, die die Teilnehmenden in den ersten Tagen begleiteten und den Einstieg erleichterten.

Kaum angekommen, machte sich das Klima bemerkbar. Die Hitze lag schwer in der Luft, die hohe Luftfeuchtigkeit verlangsamte jede Bewegung. Selbst kurze Wege fühlten sich ungewohnt an. Guy und Safidy organisierten einen Bus, der die Gruppe zum Hotel für die erste Nacht brachte. Nach dem Abstellen des Gepäcks folgte ein kurzer Spaziergang, ein vorsichtiges Herantasten an die neue Umgebung.

Der erste Abend endete in einem Restaurant, in dem Pizza neben typischem madagassischem Essen auf der Karte stand. Es war das erste gemeinsame Essen nach der langen Reise. Die Stimmung war ruhig, fast zurückhaltend. Müdigkeit, neue Eindrücke und eine gewisse Überforderung lagen spürbar in der Luft. Gerade deshalb blieb dieser Moment im Gedächtnis. Er markierte den Übergang von der monatelangen Vorbereitung zur Realität vor Ort.

Gemeinsames Abendessen im Restaurant am ersten Abend in Antananarivo

Ranomafana - unterwegs ins Hochland

Am nächsten Morgen ging es nach einem gemeinsamen Frühstück weiter. Der Bus wurde erneut beladen, diesmal mit dem Ziel Ranomafana. Obwohl die Strecke rund 400 Kilometer betrug, dauerte die Fahrt fast zwölf Stunden. Die Infrastruktur erlaubte kaum schnelleres Vorankommen. Gefahren wurde über die RN7, eine der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes. Mit jedem Kilometer veränderte sich die Umgebung. Das hügelige Hochland wich allmählich dichtem tropischem Wald, die Landschaft wurde grüner, feuchter und abgeschiedener.

In Ranomafana blieb die Gruppe eine Nacht, bevor die Reise nach Fianarantsoa fortgesetzt wurde. Dort warteten am nächsten Tag die Studierenden von AJPER. Der Empfang war herzlich und offen. Für die ersten beiden Tage war bewusst kein Projektprogramm angesetzt. Stattdessen stand das Ankommen im Vordergrund. Zeit zum Kennenlernen, zum Beobachten und zum Verstehen. Besucht wurden unter anderem die ARAHABA RY MARIA Statue de la Vierge Marie, der Markt und verschiedene studentische Treffpunkte.

Fianarantsoa - Alltag, Campus und Begegnungen

Im Austausch zeigte sich schnell, dass der Alltag junger Madagassen in vielen Punkten vertraut wirkt. Gespräche über Interessen, Studium und Zukunft ähnelten denen in Deutschland. Gleichzeitig traten deutliche Unterschiede hervor. Einkäufe wurden aus Kostengründen meist auf dem Markt erledigt. Supermärkte existierten zwar, waren jedoch häufig mit importierten französischen Produkten gefüllt und im Verhältnis zum lokalen Einkommen kaum erschwinglich. Fußball spielte eine große Rolle im öffentlichen Leben. Immer wieder waren Spiele im Municipal Stadium zu sehen, die Menschen zusammenbrachten und den Alltag strukturierten.

Nach dem Sightseeing führte der Weg für einen Teil der Gruppe weiter auf den Universitätscampus. Dort öffneten die Studierenden Einblicke in ihren Alltag und zeigten ihre Wohnungen. Zufällig fiel der Besuch mit den Feierlichkeiten zum Semesterbeginn zusammen. Auch der neue Rektor wurde an diesem Tag gefeiert. Studierende aus verschiedenen Regionen Madagaskars trugen traditionelle Gewänder ihrer Herkunftsregionen. Die kulturelle Vielfalt des Landes wurde hier besonders sichtbar. Unterschiedliche geografische Räume, Sprachen und Traditionen treffen in Fianarantsoa aufeinander. Als Universitätsstadt bündelt der Ort diese Vielfalt auf engem Raum.

Haus eines Studierenden von außen
Haus eines Studierenden von außen.
Wohnungsblock für Studierende
Wohnungsblock für Studierende.
Auf dem Universitätscampus

Am folgenden Tag kamen auch die übrigen Teilnehmenden zur Universität. Die Feierlichkeiten vom Vorabend waren inzwischen beendet. Stattdessen ergaben sich Gespräche mit dem Dekan und dem Prof. Romain Rabearisoa welcher der Besitzer der Ecolodge in Andalamengoke ist, der die AJPER-Gruppe maßgeblich unterstützt. Zudem bestand die Möglichkeit, eine Vorlesung in Höherer Mathematik II zu besuchen. Inhaltlich zeigte sich schnell, dass mathematische Konzepte unabhängig vom Ort dieselbe Sprache sprechen.

Am Abend folgte eine weitere unerwartete Erfahrung. Madagaskar nahm 2019 erstmals am Africa Cup teil. Als das Team sein Spiel gewann, geriet die gesamte Stadt in Bewegung. Beim Public Viewing schlug die Stimmung schlagartig um. Menschen zogen durch die Straßen, schlugen auf Töpfe, standen auf Autodächern, sangen und feierten. Bis tief in die Nacht war die Stadt laut, lebendig und voller Energie.

Projektstart - Werkstatt und Zusammenarbeit

Nach diesem intensiven Beginn der Woche startete schließlich die eigentliche Projektarbeit. Zum ersten Mal besichtigten wir die Werkstatt, sortierten Materialien und richteten die Arbeitsplätze ein. Anschließend begannen die einzelnen Arbeitsgruppen mit der Umsetzung ihrer Aufgaben.

Ein Schwerpunkt lag auf der Herstellung von Briketts. Hierzu wurde zunächst das bisherige Verfahren untersucht und dokumentiert. Parallel arbeiteten wir an Verbesserungen der vorhandenen Kocher sowie des Häckslers, der aufgrund starker Unwuchten und regelmäßig stumpf werdender Messer überarbeitet werden musste. Gleichzeitig wurden verschiedene Rezepturen getestet, um das in der Region weit verbreitete, schnell wachsende Elefantengras (Pennisetum purpureum) möglichst effizient zu verwerten und an die bereits vorhandenen Öfen anzupassen. Die ersten Schritte der Brikettherstellung sind in den folgenden Bildern zu sehen.

Überarbeiteter Häcksler
Der überarbeitete Häcksler.
Elefantengras (Pennisetum purpureum)
Elefantengras (Pennisetum purpureum).
Erste Schritte der Brikettherstellung
Erste Schritte der Brikettherstellung.

Die gesamte Arbeit erfolgte gemeinsam mit den Studierenden vor Ort, die sich mit großer Leidenschaft für die Ziele des Vereins engagierten. Rückblickend betrachtet war es so, dass wir zwar Material und technische Unterstützung mitgebracht hatten, die Studierenden uns jedoch viel beibrachten. Besonders beeindruckend war, wie viel sie mit vergleichsweise einfachen Mitteln und ohne die umfangreiche technische Infrastruktur, die wir aus Deutschland gewohnt waren, erreicht hatten. Vor allem zeigten sie uns, wie man technische Probleme mit viel Einfallsreichtum, Pragmatismus und Kreativität angehen und lösen kann.

Zusätzlich arbeitete das Team an Betonkochern, die mithilfe einfacher Formen sehr schnell und kostengünstig hergestellt werden konnten. Von Beginn an war jedoch klar, dass diese Lösung eher als Übergangstechnologie gedacht war. Ziel war es, möglichst schnell verbesserte Kochmöglichkeiten bereitzustellen, sodass anstelle von Holz aus dem angrenzenden Regenwald verstärkt Grasbriketts genutzt werden konnten. Der Schutz des Regenwaldes war letztlich die zentrale Motivation des gesamten Projekts.

Einfache Formen für Betonkocher
Einfache Formen für die Betonkocher.
Sentinel-2-Satellitenaufnahme der Region — links NDVI, rechts RGB
Sentinel-2-Aufnahme der Region — links NDVI, rechts RGB.

Die Inbetriebnahme einiger Werkzeuge stellte sich zunächst als schwierig heraus. Die Stromversorgung war teilweise instabil und die Spannungen schwankten erheblich. Ein Blick zum Nachbargrundstück erklärte schnell die Ursache: Dort wurde Strom direkt von den Leitungen der Masten abgenommen. Beim Einschalten größerer Verbraucher kam es dadurch zu deutlich messbaren Spannungseinbrüchen. Aus diesem Grund entschieden wir uns, die entsprechenden Tests auf das Universitätsgelände zu verlegen, wo ein deutlich zuverlässigeres Stromnetz zur Verfügung stand.

Schwankende Netzspannung
Messbar schwankende Netzspannung.
Stromabnahme am Nachbargrundstück
Die Ursache: Strom wurde am Nachbargrundstück direkt von den Masten abgenommen.

Neben der Projektarbeit gab es immer wieder Freizeitaktivitäten, die von André, dem Leiter von AJPER, organisiert wurden. Unter anderem besuchten wir gemeinsam ein Public Viewing des Africa Cups. Dabei lernten wir viele freundliche und offene Menschen kennen, mit denen wir zahlreiche schöne Stunden verbringen konnten.

Public Viewing des Africa Cups
Public Viewing des Africa Cups.

Grundsätzlich war Fianarantsoa eine sehr schöne Stadt. Neben dem lokalen Fußballstadion der Universität gab es viele interessante Orte zu entdecken, darunter das Rathaus und die historische Altstadt.

Historische Altstadt von Fianarantsoa
Rathaus und historische Altstadt von Fianarantsoa.
Panorama von Fianarantsoa
Panorama von Fianarantsoa (zum Vergrößern anklicken).

Ranomafana-Nationalpark

Ein besonderes Highlight war der Ausflug in den Ranomafana-Nationalpark. Die Atmosphäre des Regenwaldes lässt sich auf Fotos nur schwer einfangen. Alles wirkte grün, feucht und dicht bewachsen. Für mich, der zuvor noch nie einen tropischen Regenwald besucht hatte, war dies eine beeindruckende Erfahrung.

Im Ranomafana-Nationalpark
Im Ranomafana-Nationalpark.
Dichter tropischer Regenwald
Dichter, feuchter Regenwald.

Überall gab es Tiere zu entdecken, die perfekt an ihre Umgebung angepasst waren. Viele Insekten und andere kleine Lebewesen tarnten sich als Zweige, Blätter oder Baumrinde und waren oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das absolute Highlight waren jedoch die Lemuren. Hoch oben in den Bäumen konnten wir schließlich Indris beobachten, die größte heute lebende Lemurenart.

Grundsätzlich ist Madagaskar ein vergleichsweise ruhiges Ökosystem mit nur wenigen großen Raubtieren. Anders als auf dem afrikanischen Festland gibt es dort keine Löwen, Leoparden oder andere Großräuber. Der wichtigste natürliche Feind der Lemuren ist die Fossa, das größte einheimische Raubtier der Insel. Daneben stellen einige Greifvögel und Schlangen weitere natürliche Fressfeinde dar. Viele heute vorkommende Fleischfresser, beispielsweise Hunde und Katzen, wurden erst durch den Menschen eingeführt. Insgesamt ist der Jagddruck auf viele Tierarten Madagaskars daher deutlich geringer als in den meisten anderen tropischen Regionen der Welt.

Quellen

Quellen anzeigen
KürzelQuelle
[LHL19]Lernen-Helfen-Leben e.V. - Bericht zum Madagaskar-Vortrag (FJBK): l-h-l.de
[LHL19a]Lernen-Helfen-Leben e.V. - Vereinsseite/Projekte: l-h-l.de
[Eng19]Engagement Global - Bildungsarbeit/Programme: engagement-global.de
[AD]Afrika Dual - Wer wir sind: afrika-dual.de
[AJP22]AJPER - 2022 Highlights: ajper-association.wixsite.com